Italiener*innen, die Geschichte mach(t)en

Der Verleger

Den Auftakt macht ein Verleger und Buchhändler. Er kam aus einer reichen Familie, war aber dessen ungeachtet ein linker Aktivist und Kommunist. Verleger wurde er, weil er die Welt mit Büchern verändern wollte. Er besuchte Che Guevara in Kuba und publizierte später dessen Bolivianisches Tagebuch. Er war es auch, der das berühmte Foto des Revolutionärs mitbrachte, das heute T-Shirts schmückt.

In den späten 60ern hatte er sich zu einem Radikalen entwickelt, der auch Gewalt als legitimes Mittel ansah. Schrecklich war sein Ende. Er kam unter nicht endgültig geklärten Umständen bei einer seiner Aktionen 1972 zu Tode.

Angenehmer ist es, an eine seiner Frauen zu denken, eine bekannte Fotografin.

Erraten Sie den Namen des Verlegers, des gleichnamigen Verlages und der Buchhandlungen? Ein Tipp: es gibt sie in jeder Stadt und vielen größeren Orten. Vielleicht waren Sie ja schon in einer von ihnen, z.B. in der hypermodernen Porta Nouva an der Piazza Gae Aulenti  in Mailand, oder in Rom an der Torre Argentina. Nicht weit von der Piazza Gae Aulenti in Mailand steht auch das neue, sehenswerte Gebäude der Fondazione Feltrinelli von Herzog & de Meuron (Architekten u.a. der Elbphilharmonie).

Und wenn Sie schon in der Gegend sind, sehen Sie sich das ganze neue Viertel mit dem Bosco Vertikale (zwei begrünte Hochhaustürme) und dem Torre Unicredit an.

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Beziehungsreich ist der Name der Piazza, an der sich die Buchhandlung in Mailand befindet. Gae Aulenti war eine sehr bekannte Architektin. Sie entwarf die Innenausstattung des Musée d’Orsay und erlangte damit späte Berühmheit. Nach dem Architekturstudium arbeitete sie zunächst als Industriedesignerin. Ein erster großer Erfolg war der Entwurf des italienischen Pavillons auf der Architektur-Triennale 1964.

Ende der 70er begann sie Bühnenbilder und Kostüme zu entwerfen. Gleichzeitig arbeitete Sie als Dozentin. Sie gestaltete unterschiedlichste Gebäude: Wohn- und Bürogebäude, Schauräume oder Ausstellungsräume.

Der Verleger und die Architektin stehen für das intellektuelle, moderne, zukunftsorientierte und europäische Italien.

Der Politiker

Er hatte ein zweifaches Legitimationsproblem. Zum einen war er durch einen Bürgerkrieg an die Macht gekommen, den er selbst angezettelt hatte. Und zum zweiten hat er sich als Alleinherrscher eingesetzt. Eine Sache, für die sein Großonkel noch ermordet wurde.

Also musste er für sich Werbung machen. Zu damaligen Zeiten, ohne Internet, gab es dafür drei Wege:  beeindruckende Architektur, Münzen und die Gewinnung von Publizisten. Die Botschaft: ich bringe den Frieden,  die Götter sind mir gewogen und verleihen mir nahezu Gottgleichheit und ich stehe in der langen Tradition des Landes.

Es lohnt sich, in einem Rundgang in Rom zumindest einige seiner Bauten zu besichtigen.

Italienisch lernen Rom

Fangen wir mit dem Friedensaltar an. Ein Kubus, den man über eine Freitreppe betreten kann, an allen Seiten mit Reliefs geschmückt. Die Treppe führt zum Altar. Die Reliefs nehmen Bezug auf die Geschichte, vermitteln eine Atmosphäre des Friedens und stellen Opferprozessionen dar.

Unser Politiker ist selbst auch dargestellt, ganz zurückgenommen, im Kreis seiner Familie als Teil einer Prozession. In griechischem Stil, vermutlich auch von griechischen Bildhauern geschaffen, stellen sie also genau die gewünschten Bezüge her: alte Kultur, Tradition, Frieden, Familiensinn.

Tatsächlich waren auch eine moralische Erneuerung, die Förderung der Familie und sogar die Erhöhung der Geburtenrate Teil seiner Politik. Zur Bekräftigung seiner Mission liess er auch seine Tochter wegen Ehebruchs verurteilen.

Gegenüber steht sein Mausolem. Das Mausoleum wurde dieses Jahr wiedereröffnet. Die Besichtigung ist ein Muss. Die Vorbestellung von Tickets empfiehlt sich.
Ursprünglich ganz in der Nähe des damaligen Standortes des Altars, heute etwa 10 Min. Fußweg entfernt, auf der Piazza di Monte Citorio, steht ein riesiger ägyptischer Obelisk, den unser Politiker, möglicherweise als Sonnenuhr, aufstellen ließ.

Natürlich hat er zu seiner Glorifizierung („Vater des Vaterlandes“) auch ein Forum errichten lassen, mit einer Statue von sich selbst. Die Bauten wurden mit Marmor verkleidet und verliehen dem Stadtzentrum Glanz. Das Forum liegt gegenüber dem Forum Romanum auf der anderen Seite der Via dei Fori Imperiali. Wer gerade jetzt eine Stärkung braucht, könnte ins kleine Restaurant La nuova Piazzetta (Via del Buon Consiglio, 23/a) gehen, mit winziger Außenterasse und leckeren italienischen Standards. Das Restaurant ist etwas versteckt. Qualität und Preise sind mehr als in Ordnung und der Service sehr freundlich und aufmerksam.

Nächste Station ist das Marcellustheater, 500 m von den Kapitolinischen Museen (in denen man eine Büste unseres Politikers bewundern kann). Das Gebäude dient heute noch als Wohnhaus.

Wer noch rätselt, wer es sein könnte: die Publizisten, oder besser Geschichtsschreiber, die er für sich gewann und offenbar in seinem Sinne beeinflussen konnte, waren Horaz, Livius und Vergil.

Es gibt fast keinen besseren Repräsentanten der antiken Geschichte Italiens. Er vertrieb die Provinzialität Roms und war prägend für seine Nachfolger.
In fast jedem Ort finden sich Bezüge zur antiken Geschichte. Sie bildet einen erheblichen Teil der Identität Italiens.

Die rote Jungfrau

Noch eine widersprüchliche Persönlichkeit? In Venedig geboren, blitzgescheit, selbstbewusst, ein Freigeist. Sie interessiert sich früh für Kunst. Sie kämpft für das Frauenwahlrecht und fördert die Futuristen. Sie gründet einen Salon in Mailand. Und das Who-is-who der italienischen Kunst- und Musikszene ist zu Gast. Sie neigt den Sozialisten zu. Deshalb wird sie „rote Jungfrau“ genannt. 1922 gründet sie die Künstlergruppe „Gruppo del Novecento“. Schon längst hatte sie da Mussolini kennen und lieben gelernt. Sie gründet mit ihm eine Zeitschrift und schreibt seine Biografie. Sie wirbt für ihn, auch im Ausland, und wird sogar von Roosevelt zum Tee eingeladen. Sie versucht, Mussolini bei den Intellektuellen salonfähig zu machen. Sie ist eine sehr aktive Unterstützerin des italienischen Faschismus.

Nach 12 Jahren war Mussolini ihrer überdrüssig. 1938 musste sie emigrieren, da sie Jüdin war. 1947 kehrte sie zurück und lebte in Cavallasca bei Como. Sie starb 1961. Immerhin erging es ihr besser als einer späteren Geliebten Mussolinis, Clara Petacci. Beide wurden in Giuliano di Mezzegra  am Comer See erschossen und anschließend an einer Tankstelle in Mailand öffentlich aufgehängt.

Dieses weniger ruhmreiche Kapitel soll als Aufhänger für ein angenehmeres Thema dienen: den italienischen Freiheitskampf und die Einigungsbestrebungen. Kein Ort, in dem nicht eine Straße nach Garibaldi, Cavour, Mazzini, Vittorio Emanuele II, oder nach dem 4. November benannt ist, oder es eine Piazza Repubblica gibt.

Garibaldi brachte, unterstützt von Mazzini, mit seinem „Zug der 1.000“ 1860 das Königreich beider Sizilien unter seine Kontrolle. Cavour, der Ministerpräsident von Sardinien-Piemont, sandte ihm Truppen zu Hilfe (und um republikanische Bestrebungen zu dämpfen). Es wurden Teile des damaligen Kirchenstaates besetzt (Umbrien und Marken). Und schließlich wurde Viktor Emanuel II. 1861 zum König von Italien ausgerufen. Der 4. November schließlich feiert den Sieg Italiens im 1. Weltkrieg.

Der Freiheitskampf und die späte Einigung Italiens ist ein weiterer Wesenszug des Landes. Und Teil des Stolzes der Italiener. Manchmal allerdings scheint es, dass noch immer Trennlinien bestehen, z.B. zwischen Nord- und Süditalien.

Möglicherweise ist eine Spätfolge des Faschismus ein Erstarken der der Linksparteien in der Nachkriegszeit. Bis zum Aufstieg Berlusconis jedenfalls waren faschistische Ideen geächtet.

Die Astronautin

Berühmte Italienerinnen

Studium in München, Toulouse, Moskau und Neapel (Master in Luft- und Raumfahrttechnik), Kampfpilotin und Astronautin. Vom 23.11.2014 bis zum 11.06. 2015 war sie in der ISS und hält damit den Langzeit-Rekord für Frauen im Weltall. Sie ist Mutter einer Tochter. Einfach unglaublich.

2019 war sie für einen Vortrag in Köln im italienischen Kulturinstitut. Sie wirkt zunächst intellektuell und etwas distanziert. Als beim Schlussfoto immer mehr Kinder auf die Bühne kommen und ihre Nähe suchen, als könnte eine Berührung etwas von Ihrer Besonderheit übertragen, ist sie zunächst irritiert, freut sich dann aber doch. Langsam wird bewusst, was sie vollbracht hat. Ein magischer Moment.

Wirklich eine würdige Repräsentantin der modernen, starken Italienerin. Es zeigt, dass die vermeintlich typische Mamma überkommen ist. Die Mamma, so der Mythos, hält die Familie zusammen, umsorgt und verteidigt die Kinder, ist das heimliche Familienoberhaupt und, als Hüterin der Familienrezepte, die beste Köchin.
Ist das heute noch aktuell? Vermeintlich ja. 2017 wohnten fast die Hälfte der unter 34-Jährigen noch zu Hause. Das ist aber eher eine Begleiterscheinung der Arbeitslosigkeit und der z.T. niedrigen Gehälter. Deshalb sind in Italien auch weniger Frauen in einem Arbeitsverhältnis, als in Deutschland.
Tatsächlich ist Italien das europäische Land mit einer der geringsten Geburtenquoten. Frauen liegen vorne bei den Universitätsabschlüssen. Es hat sich also etwas verändert. Die Fakten zeigen, la mamma ist ein vergangener Mythos, nicht mehr.

Die Schriftstellerin

1936 in Florenz geboren. Tochter einer Prinzessin aus einer sizilianischen Adelsfamilie und eines Japanologen und Anthropologen. Sie hat als Kind mehrere Jahre in Japan gelebt, davon, wegen der antifaschistischen Haltung ihrer Eltern, zwei Jahre in einem Internierungslager. Japan war zu der Zeit im „Dreimächtepakt“ mit Hitler und Mussolini verbunden. Die Entbehrungen in dem Lager werden sie lange verfolgen. 1946 zog die Familie wieder nach Sizilien. Zunächst wohnte sie nach der Trennung der Eltern bei Ihrer Mutter in Palermo.

Mit 18 zog sie zu Ihrem Vater nach Rom und veröffentlichte erste Kurzgeschichten. Sie ist Mitgründerin der Literaturzeitschrift Tempo di letteratura. Sie war Lebensgefährtin von Alberto Moravia. Sie war mit Pasolini befreundet und schrieb an einem Drehbuch mit. In den 70ern schloss sie sich der Frauenbewegung an, veröffentlichte den Roman „Donna in guerra“ und ist seither eine Kämpferin für Frauenrechte.

Um Ihre Botschaft zu verbreiten, schrieb sie Theaterstücke, und organisierte Aufführungen auf der Straße, in Schulen oder auf Märkten. Sie wird manchmal als „zornige Frau der italienischen Literatur“ bezeichnet. Sie ist Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Nuovi Argomenti“. Ihr Werk umfasst über 20 Romane, Erzählungen (auch für Kinder), Lyrik, Essays, Theaterstücke und Drehbücher. Und sie führte Regie im Film L’amore coniugale. Sie ist die Intellektuelle Italiens.

Die Kommunistin

1924 in Istrien geboren und 2020 gestorben. Sie war eine Schriftstellerin und Intellektuelle, maßgebliches Mitglied der kommunistischen Partei Italiens (Partito Comunista Italiano – PCI, deutsch: KPI) und Mitbegründerin der Tageszeitung Il Manifesto.

Sie studierte in Mailand Kunstgeschichte und Philosophie. Sie nahm am antifaschistischen Widerstand und an Partisanenaktionen Teil.

Nach dem Krieg war sie für die Kulturpolitik verantwortlich. Der damalige Parteischef war Palmiro Togliatti. Er war am Zustandekommen einer Vereinbarung zwischen der Sowjetunion und Italien zur Produktion des Fiat 124 in der UdSSR beteiligt. Zum Dank wurde eine Ortschaft in Russland nach ihm benannt. Der Nachfolger dieser Gründung ist die AwtoWAS (Wolga Automobilwerk), der größte Produzent von Pkw in Russland, an dem Renault-Nissan zu über 25% beteiligt ist – aber das ist nur eine Anekdote.

Sie war Mitglied des Zentralkomitees der PCI und 1963 auch Abgeordnete im Parlament und zunächst – unangefochten vom Berliner Aufstand oder der Niederschlagung des ungarischen Widerstands durch die UdSSR – Verteidigerin der sowjetischen Politik.

Ihr Haltung änderte sich einige Jahre später. Die Zeitschrift Il manifesto, an der sie mitwirkte, kritisierte die unentschiedene Haltung der KPI Moskau gegenüber und sie wurde aus der Partei ausgeschlossen. Nach einer deutlichen Wahlniederlage eines Versuchs, eine neue linke Partei zum Erfolg zu führen, zog sie sich aus der Politik und der Zeitung zurück und war nur noch schriftstellerisch tätig.

Vielleicht ist Ihnen in Italien schon einmal eine Via oder eine Piazza Gramsci begegnet, z.B. in Mailand, Carrara oder Siena. Gramsci war Mitbegründer und mehrere Jahre Vorsitzender der kommunistischen Partei Italiens.

Die Partei war nach dem Krieg über lange Jahre eine der stärksten Parteien in Italien, mit regelmäßigem Wahlergebnis um 25%, und die größte kommunistische Partei außerhalb der UdSSR. Die PCI war auch prägend für die italienische Kultur der 60er und 70er Jahre. Pavese, Pasolini, Natalia Ginzburg, Luigi Nono, Andrea Camilleri, Calvino, Visconti, alle waren Mitglieder der PCI. Sie stellte den Bürgermeister in vielen Orten und Städten, z.B. in Rom, Neapel, Bologna oder Venedig. Die Toskana, die Marken und die Emila Romagna waren traditionell „rot“.  Die Kommunisten initiierten die „Feste dell’Unità“, bei denen Künstler und Literaten auftraten, Vorträge hielten und diskutierten. Diese Feste gibt es heute noch, sie haben aber ihren ursprünglichen Charakter verloren und sind reine Volksfeste.

In den 80ern und 90ern veränderte sich die Partei. Sie benannte sich 1991 in „Partito Socialista Italiano“ – PSI , deutsch:„Demokratische Linkspartei“ und später in „Democratici di Sinistra“ –DS, deutsch:  „Linksdemokraten“ um. Schließlich ging sie in der „Partito democratico“ auf. Von 1998–2000 war Massimo D’Alema – als erster Exkommunist – Ministerpräsident . Giorgio Napolitano, ebenfalls ein Ex-Kommunist,  wurde 2006 Staatspräsident.

2016 wurde die PCI wiedergegründet.

Die gesuchte Dame steht also für den prägenden Einfluss des Kommunismus auf Politik und Kultur Italiens. Sie war intellektuell, kultiviert und militant.

Kurzzeit-Kölner von der Schäl-Sick

In Mailand geboren, wurde er, anders als viele Mitglieder seiner Familie, nicht Künstler, sondern Ingenieur. Ein französischer Baron und Industrieller holte den noch nicht Volljährigen als Produktionsleiter ins Elsass, weil er von dessen Maschinen begeistert war. Offenbar wegen seiner nicht ganz einfachen Persönlichkeit trennten sich die Wege der beiden wieder und auch eine weitere Zusammenarbeit mit einem anderen Fabrikanten dauerte nur kurz. Und so kam er nach Köln Deutz. Hier wurden drei seiner Kinder geboren.

Er blieb aber auch dort nur knappe drei Jahre. Er zog wieder ins Elsass und gründete seine eigene Fabrik. Seine Produkte wurden wegweisend für die gesamte Branche im 20. Jahrhundert. Sein Perfektionismus machte vor nichts Halt. Als die Nudelmaschine seines Kochs defekt war, konstruierte er eine neue. Als er keine Eier auf dem Markt bekam, schaffte er sich Hühner an und baute einen fahrbaren Stall, er baute ein Gewächshaus für sein Basilikum oder designte Besteck. Außerdem züchtete er Pferde.

Insgesamt meldete er ca. 1.000 Patente an. Er war nicht nur Konstrukteur und Fabrikant, sondern auch Rennfahrer. Heute zieren zwei Bronze-Figuren zu seinen Ehren einen Park in Molsheim im Elsass. Er steht für italienische Ingenieurskunst, für das italienische Design und stellvertretend für eine ganze Branche aus Italien, so wie es heute John Elkann ist.

Die Modeschöpferin

Was verbindet man mit Italien? Mode! Es geht also um eine der größten Modeschöpferinnen des letzten Jahrhunderts. Sie hatte sich mit einem Knall auf der Modebühne vorgestellt, in einem Strickpulli mit weißer Schleife, den sie zu einem Abendessen beim Chefredakteur der Vogue trug. Lord & Taylor, das New Yorker Luxuskaufhaus wollte diese Pullis sofort verkaufen und die französische, englische und amerikanische Vogue zeigten das Kleidungsstück.

1927 startete sie ihr eignes Label und etablierte sich innerhalb eines Jahres in der Pariser Modewelt. Neben Kleidung designte sie als erste auch Accessoires. Sie war neben Coco Chanel und Dior der dritte Stern am Pariser Modehimmel. Da war sie schon fast 40 Jahre alt.

Ihr Leben war bis dahin nicht sehr geradlinig verlaufen. In Rom in eine reiche Familie geboren, studierte Philosophin, floh Sie mit 23 nach England und heiratete dort einen Grafen, mit dem sie nach Amerika ging. Sie brauchte ihr Geld dort auf, bekam eine Tochter und wurde von ihrem Mann verlassen. Sie musste als Verkäuferin, Übersetzerin und Gesellschaftsdame arbeiten, um sich durchzubringen. Immerhin lernte sie Man Ray und Marcel Duchamp kennen. Aus Geldnot übersiedelte sie mit Gabrielle Picabia schließlich nach Paris. Sie wurde von ihrer Freundin mit Jean Cocteau und Salvador Dali bekannt gemacht.

Ihre Mode war schrill. Sie verwendete ausgefallene Motive, wie Skelette, nutzte sichtbar Reißversschlüsse (damals ein Unding in der Haute Couture) und verwendete neue Materialien, wie eine Pferdedecke, gewachsten Satin oder Kunststofffolie. Und sie kreierte eine eigene Farbe: shocking Pink.

Ihr Unternehmen wuchs und zog von der Rue de la Paix zur Place Vendome. Schauspiel-Größen, wie die Garbo, die Dietrich oder Peggy Guggenheim waren ihre Kundinnen.

Bekannt war der Schuh-Hut und ein Hummer-Kleid, in dem Wallis Simpson in der „Vogue“ erschien. Oder ein Mantel, auf dem zwei von Cocteau gemalte Gesichter zu sehen waren. Sie war auf dem Gipfel ihrer Karriere.

Nach dem Krieg hatte sich der Geschmack verändert. Sie passte sich nicht an. 1954 war ihr Geschäft am Ende. Sie starb 1973.

Diego Della Valle kaufte 2006 die Markenrechte. Der Designer Marco Zanini wurde beauftragt, das Label neu zu beleben. Christian Lacroix kreierte 2013 eine Kollektion. Die Marke gibt es heute noch.


Die öffentliche Frau

Die Süddeutsche widmete ihr am 3. Juli 2021 fast die ganze erste Seite des Wirtschaftsteils. Sie ist Mitglied des Aufsichtsrats des Schuh- und Accessoires-Herstellers Tod’s. Sie engagierte sich in der Corona-Krise in Norditalien für die Errichtung einer Intensivklinik, bewarb die Uffizien und hat seit Kurzem eine Kooperation mit Nespresso.

Sie ist eine der einflussreichsten Influencerinnen Italiens. Mit wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen. Der Kurs von Tod’s stieg rasant. Sie und ihr Mann, der Rapper Fedez, rufen politische Themen auf (z.B. befürworteten sie das Gesetz gegen Homophobie und machten das Thema damit erst richtig bekannt) – und werden von Politikern genutzt.

Ihr Instagram-Account zeigt ihr Privatleben in Details, die man vielleicht gar nicht wissen will. Aber sie nutzt ihren immensen Einfluss für gesellschaftliches Engagement. U.a. warb sie auf Bitten von Giuseppe Conte für das Tragen von Corona-Masken.

Früh postete sie Fotos auf flickr. Richtig los ging es 2009 mit einem Modeblog (The blonde Salad). Sie war damals eine Pionierin. Instagram war noch in weiter Ferne. Sie entwarf und vermarktete  2011 erfolgreich eine Schuhkollektion. Benetton bot ihr eine Zusammenarbeit an. Ebenso Chanel und Cartier. Die Eröffnung eines ersten Ladens mit ihrer Kollektion löste Hysterie aus.

Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, hat heute 24 Mio. Follower auf Instagram (zusammen mit ihrem Mann 35 Mio.).


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