Renaissance-Stadt Ferrara

Wenn man sich eine italienische Phantasiestadt ausmalen würde: Lebendig, modern, kleinräumig, historisches Stadtbild, hier und da eine Prachtfassade, autofreie Straßen mit kleinen Geschäften, regionale Spezialitäten und kulinarische Genüsse, typische Cafés ohne Chichi, Speisekarten der Trattorien ohne Abbildungen der Gerichte. Das wäre dann die Renaissance-Stadt Ferrara.

Und Ferrara ist noch etwas, eine Zeitkapsel der Renaissance. Nur an wenigen Orten kann man sich die damalige Zeit besser vorstellen, als hier.

Stadt der Este

Renaissance-Stadt Ferrara - Stadt der Este

Herrscher und Bürger, deren Stadtherrschaft die Este beendet hatten, waren sich zunächst nicht besonders grün. Ende des 14. Jahrhunderts gab es einen Aufstand wegen zu hoher Steuern. Also baute Niccolò II. d’Este eine Burg mitten in die Stadt. Ein schönes Statement. Ende des 15. Jahrhunderts war die Lage entspannter und Ercole I. d’Este ließ eine Stadterweiterung (Additione Erculea) bauen mit geraden, breiten Straßen. Eine Revolution und die erste Stadtplanung der Neuzeit. Der römischen Antike verpflichtet wurden zwei sich kreuzende Hauptstraßen angelegt. Diese sind der heutige  Corso Ercole I d’Este (Nord-Süd) und in Ost-West-Richtung der Corso Porta Po und der Corso Biagio Rossetti. Die zweite Achse war „dem Volk“ gewidmet, während die Nord-Südachse dem Adel vorbehalten war. Die Straße wurde durch einen großen, baumgesäumten Platz ergänzt (die heutige Piazza Ariostea, benannt nach Ariost, dem Autor von Orlando Furioso, u.a. Sekretär des Kardinals und Theaterdirektor der Stadt). Insgesamt wurde aber die Trennung zwischen Adels- und Bürgerstadt durch die Stadterweiterung aufgehoben. Eine echte Renaissance-Stadt also.

Die Erweiterung ist das gesamte Gebiet nördlich der Viale Cavour und dem Corso della Giovecca (entweder abgeleitet, nach einem provencalischen Spiel „Juvec“, dessen Name über die Zeit in Giovecca gewandelt wurde, oder nach dem Wohnsitz von Juden und Gerbern – man weiß es also nicht).
Ercole I. war Mäzen, förderte das Theater und die Kunst. 1473 heiratete er Eleonora von Aragon, Tochter des späteren Ferdinand I. von Aragon, König von Neapel. Dies führte zu einer Verbindung der beiden Städte.

Es gibt also viel Renaissance zu sehen in Ferrara.

Erster Rundgang

Aber jetzt wollen wir uns die Stadt einmal ansehen. So neugierig gemacht, starten wir natürlich am Castello Estense. Der südliche Teil der Stadt ist der belebtere, im Norden sind hauptsächlich beeindruckende Paläste zu bewundern. Für den Moment begnügen wir uns mit der Außenbesichtigung der Burg und behalten im Gedächtnis, dass es ganz oben ein frei zugängliches Museumscafé mit leckeren Süßigkeiten und einer phänomenalen Aussicht gibt (https://www.facebook.com/CaffetteriaCastelloEstense/).
Im sehenswerten mittelalterlichen Kern, im Süden begrenzt durch die Via Carlo Mayr (benannt nach einem Politiker des Risorgimento), im Westen durch die Via Boccacanale di Santo Stefano, im Osten durch die Stadtmauer und im Norden durch Corso della Giovecca kann man sich dem Gewirr der kleinen, engen Gassen überlassen. Neben der Burg beginnt der Corso Martiri della Libertà eine breite Prachtstrasse. Wer möchte, kann noch einen Blick in das Theatro Communale mit dem wegen der vorfahrenden Kutschen ovalen Innenhof werfen. Dann geht’s vorbei an der Piazza Savanorola mit der Statue des in Ferrara geborenen Kirchenreformers und am Bischofspalast. Dann kommt, heute Rathaus, der ehemalige Palast der Este aus dem 13. Jahrhundert. Man kann also gar nicht langsam genug flanieren, um alles richtig zu sehen. Ein Torbogen wird bewacht von den Statuen von Niccoló III und Borso. Dahinter liegt der schöne Innenhof mit einer Treppe (und der ruhigen Terrasse eines – für die Lage akzeptablen – Restaurants; https://www.leondoroferrara.it/).
Gegenüber dem Durchgang steht die Kathedrale mit einem Stilmix aus Romanik und Gotik. An der Seite der Kirche die Piazza Trento e Trieste, wo früher der Markt abgehalten wurde. Ein schöner Platz zum Verweilen. Am besten schlendert man langsam den Platz entlang und schaut sich die Fassade und die Loggia die Merciai an, wo seit dem Mittelalter Händler ihre Läden haben.

Stadt der Este

Das ehemalige Ghetto

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Insider-Tipps Ferrara

Ganz am Ende der Piazza Trento e Trieste beginnt die Via Mazzini, die ins ehemalige Ghetto führt. Hier war früher eins der 5 Tore zum Ghetto (die anderen waren an der Einmündung der Via Vignatagliata in die Via Contrari, an der Kreuzung der Via Mazzini mit der Via Terranuova und jeweils an der Via Vignatagliata und der Via della Vittoria kurz vor deren südlichem Ende).

Im ersten Haus, dem Palazzo di San Crispino (Beschützer der Schumacher, deshalb sieht man auf den Kapitellen der Säulen in der Via Mazzini Schuhsohlen), dessen Hauptfassade auf die Piazza Trento e Trieste weist, wurden Anfang des 17. Jahrhunderts Predigten gehalten, bei denen die Anwesenheit der Juden verpflichtend war.
Die Via Mazzini ist autofrei, lädt heute mit den vielen Geschäften zum Flanieren ein. Sie ist von mittelalterlichen Häusern, häufig aus Ziegeln gebaut, gesäumt. Gleich am Anfang kommt die Pasticcheria Bida, die sich für einen Kaffee mit entsprechender Süßigkeit anbietet.

Es lohnt sich, eine Schleife über die Via Vignatagliata (der Name leitet sich vermutlich von einem Weinberg ab, der für den Bau des Ghettos abgetragen wurde) und zurück über die Via Vittoria zu gehen, die im Herzen des Ghettos lagen. Hier gibt es Häuser mit ganz unterschiedlicher Fassadengestaltung. In der Via Vignatagliata Nr. 49 war früher ein Backofen für Matze (ungesäuertes Brot). In der Nr. 79 war die Schule in einem Gebäude aus dem 15. Jahrhundert. 1938 kamen alle jüdischen Schüler Ferraras dort hin. An dieser Schule war der Schriftsteller Georgio Bassani als Lehrer tätig.

Die Este waren tolerant gegenüber den Religionen gewesen, so dass viele spanische, portugiesische und deutsche Flüchtlinge nach Ferrara kamen. Das Ghetto wurde auf Veranlassung von Kardinal Cennini gegründet, lange nachdem die Este Ferrara verlassen hatten. Da war es mit der Toleranz vorbei. Das Ghetto blieb über ein Jahrhundert bestehen – und abgeschlossen, wurde im Zuge der französischen Besetzung geöffnet, aber von 1826 bis 1861 wieder geschlossen, wenn auch mit weniger strengen Regeln. In der Zeit des Faschismus wurde das Ghetto wieder „reaktiviert“. Giorgio Bassani hat in seinem Roman „Der Garten der Finzi-Contini“ die Repressionen gegen die Juden und deren Verfolgung Ende der 30-er und Anfang der 40-er Jahre des letzten Jahrhunderts beschrieben. In der Via Mazzini 95 findet sich die Synagoge. Sehenswert ist das jüdische Museum (https://www.meisweb.it/) in der Via Piangipane (hier weint nicht das Brot, so heißt ein Ort in der Nähe). Das Haus diente den Faschisten als Gefängnis. Dort wurde auch Giorgio Bassani eingesperrt. Es gibt ein schönes Video des Museums über das jüdische Ferrara: (https://ferraraebraica.meis.museum/en/introduzione/).

Viele der Straßennamen wurden geändert. Die Via Mazzini, benannt nach einem Freiheitskämpfer des Risorgimento, hieß früher Via de Sabbioni. Wahrscheinlich benannt nach dem Sand, der in der einen Lesart bei Regen, in der anderen bei Spielen dort ausgestreut wurde. Die Straße ist eine der ältesten in Ferrara. Sie war trauriger Schauplatz als Alberto I. im frühen 14. Jahrhundert nach einer Verschwörung gegen ihn „aufräumte“ und nach der Enthauptung seines Neffen und seiner Mutter einen Verschwörer hängen ließ, seine Frau verbrannte und andere Beteiligte foltern ließ. Die Via Vittoria hieß früher Via della Gattamarcia. Der Name erinnert an die wenig geschmackvolle, ehemalige Gewohnheit, tote Katzen einfach auf die Straße zu werfen. Ja, so ging’s zu im Mittelalter. Nun wollen wir uns aber angenehmeren Dingen zuwenden.
Am Ende der Via Mazzini (danach heißt die Strasse Via Saraceno), kann man 2x links gehen und kommt über die Via Contrari wieder zurück zur Kathedrale.
Tagsüber sind die Straßen belebt, Geschäfte und Cafes geöffnet. Aber auch am Abend lohnt sich die Runde. Die Mauern geben Wärme ab, das Licht ist weich und angenehm und man hat mehr Muße sich die Fassaden der Häuser anzusehen.

Eine Zeitkapsel aus der Renaissance

Von der Kathedrale bietet sich ein weiterer Spaziergang durch die Via San Romano an, die einst den Markt mit dem Hafen verband, bevor der Po sein Bett verlagerte. Viele Häuser haben Arkaden. Wenn Sie die Straße bis ganz ans Ende gehen, finden Sie den heutigen Markt. Wer die Straße belebt sehen möchte, sollte auf die Öffnungszeiten der Geschäfte achten. In der Mittagspause (meist zwischen 12:30 Uhr und 16:00 Uhr) ist die Straße ausgestorben.

Reiseführer Ferrara

Noch ein Stück vor dem Markt kreuzt die Via delle Volte mit Mittelalterfeeling, erst recht am Abend, wenn die Straßenlaternen brennen. Die Straße verlief früher am Ufer des Po. Zum Fluss hin waren die Gebäude Lagerhäuser, zur Straße lagen Wohnungen und Werkstätten. Der Name kommt von den vielen Bögen, die die Straße überspannen.

Ferrara Tipps

Ganz am Anfang der Via San Romana, nur ein paar Schritte von der Kathedrale, findet sich das Dommuseum. Hinter dessen Türen (http://www.artecultura.fe.it/152/museo-della-cattedrale) eröffnet sich ein ganzes Universum: die Tapisserien (ital.: Arazzi, abgeleitet von der Stadt Arras, wo es bekannte Gobelin-Manufakturen gab). Tapisserien ansehen? Doch! Hier gibt es einen einzigartigen Einblick in die Welt der Renaissance-Fürsten, das Leben bei Hof, die internationalen Beziehungen in Politik, Wirtschaft und Kunst und in die Bilderwelt der damaligen Zeit. Wer schnell ist, schafft das Museum in weniger als einer Stunde. Das ist es in jedem Fall wert. Vielleicht noch spannender, als die Tapisserien selbst, ist deren Geschichte und Bedeutung.

So ein Renaissance-Fürst hatte es nicht leicht. Es gab umfangreiche Regelwerke, was einen Fürsten ausmachte. Das wichtigste Merkmal war die Magnificenza. Diese „Großgeartetheit“ sollte sich auch in großen, erhabenen und kostbaren Dingen zeigen. Zurück geht dieser Gedanke, wir sind ja in der Renaissance, auf Aristoteles. Dessen Nikomachischen Ethik war leitend bei den Überlegungen zu Macht und Ethik der damaligen Herrscher. Für Ercole I. wurde eigens ein Traktat zu den 10 Fürstentugenden verfasst.
Und die Este fanden, dass Tapisserien sehr gut geeignet wären, die Magnificenza zu demonstrieren und hatten gleich noch eine Begründung, viel Geld dafür auszugeben. Zunächst kauften Sie die Arazzi in Frankreich und in Brüssel, später gingen sie es professionell an und gründeten dafür Manufakturen in Ferrara. Das half dann auch im Wettbewerb mit den Emporkömmlingen der Sforza und Gonzaga und war eines Jahrhunderte lang herrschenden Geschlechts würdig (insgesamt schafften sie 9 Jahrhunderte, davon die Jahre 1242 bis 1597 als Chefs von Ferrara).  Da die Tapisserien aufwändig herzustellen waren und z.T. Goldfäden verwendet wurden, hatten sie ungeheuren Wert. Gerade richtig, um die Bedeutung der Fürsten zu zeigen. Bilder konnten viele, aber Arazzi konnten nur die Fürsten. Seit dem frühen 15. Jahrhundert gab es Arazzieri – Gobelinweber – in Ferrara. Es gab einen eigenen Verwaltungsbereich am Hof, der sich um die Arazzi kümmerte, die Ufficio de la tapezaria.
Die Tapisserien hingen nicht nur an der Wand. Anlässlich des Besuchs von Papst Eugen IV, wurden diese im Freien aufgehängt, was ihnen bei Schnee- und Eis nicht gut bekam.Angefangen damit haben die Franzosen, allen voran Ludwig I., aber auch Karl V., der Herzog von Berry und Philip der Kühne (Burgund). Tapisserien wurden als Geschenke benutzt und so entwickelten auch andere Herrscher einen Sinn für diese Kunstwerke. Wer auf sich hielt, und über das nötige Kleingeld verfügte, sammelte mehrere Hundert Stück davon. Die Este besaßen mehr als 700.
Vielleicht haben Sie sich schon einmal die Tapisserien im Musee Cluny in Paris oder sogar die Tapisserie de l‘ Apocalypse in Angers angesehen. Diese vermitteln, welchen überwältigenden Eindruck man in den Renaissancepalästen hatte. Man wollte damit angeben und seine Macht demonstrieren. Die Arezzi wurden auch auf Reisen mitgenommen. Das Dargestellte war weniger die Aussage, vielmehr kam es darauf an, den Besitz zur Schau zu stellen. So wie beim Bugatti die Technik und die Farbe für die meisten sekundär sind. Allenfalls wurden Sujets gewählt, die dem Herrscher huldigten. Als die Este ihre eigene Arezzeria hatten, gaben Sie Themen in Auftrag, die sich mit den Großtaten der Herrscher befassten. Sie machten die Räume, in denen Sie hingen, zu Herrschaftsräumen. Sie wurden auch nicht immer ausgestellt, sondern nur zu besonderen Ereignissen. Zur Machtdemonstration zählten auch Einzüge der Herrscher bei diversen Gelegenheiten, z.B. bei einer Hochzeit. Hier wurden die Tapisserien ebenfalls gezeigt, auch um einen Herrschaftsraum zu schaffen. Bei hohem Besuch, wurden die Räume der Gäste mit den Arezzi geschmückt. Wenn die Este Ihre Paläste in Venedig oder Florenz besuchten, waren die Tapisserien dabei, waren also bei wichtigen Anlässen allgegenwärtig.
Viele der Tapisserien wurden durch Erdbeben und Kriege zerstört. Auch die Kirche fand die Arazzi der Este nicht so toll, als sie 1597 in Ferrara an die Macht kam. Heute sind in Ferrara nur wenige noch zu sehen. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.
Ausgestellt sind zwei Zyklen, die Geschichte des hl. Maurelio und des hl. Georg, die in Ferrara produziert wurden und vollständig erhalten sind. Diese Zyklen wurden nicht von den Este beauftragt, sondern von der Kirche. Das hat wahrscheinlich zu ihrem Erhalt beigetragen. Die beiden Heiligen sind Schutzpatrone der Stadt, Maurelio war erster Bischof der Stadt. Auch wenn Sie nicht von den Fürsten beauftragt wurden, vermitteln sie doch einen sehr guten Eindruck von der Pracht dieser Kunstwerke.Einen Vorgeschmack auf die Arazzi können Sie sich hier holen: https://pprg.infoteca.it/sicap/opac.aspx?WEB=FERRS&OPAC=CATTEDRALE&SRCmode=SSMP&Src=Y&val=arazzo
Wenn Sie mehr über die Tapisserien und die Este lesen wollen, ist folgender Text empfehlenswert: https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwjpoNGQ7vPuAhU84eAKHVupBBMQFjARegQIExAD&url=https%3A%2F%2Felib.uni-stuttgart.de%2Fbitstream%2F11682%2F5370%2F1%2FDiss_San_gesamt.pdf&usg=AOvVaw2KaCtSSs50P1DeMpbwGGQj

Lustschlösser

Wer noch in der Südhälfte der Stadt bleiben möchte, geht, diesmal auf der anderen Seite der Kathedrale, durch einen kleinen Durchgang die Via degli Adelardi entlang (benannt nach einem Geldgeber für den Bau der Kathedrale). Hier kommt man  gleich am Anfang am angeblich ältesten Wirtshaus der Welt vorbei. Und geht weiter in die Via Voltapaletto. Deren Name hat nichts mit Stabhochsprung zu tun, das wäre ja auch der „salto con l’asta“,  es soll sich auf einen Pfahl beziehen, der im Mittelalter in der Straße stand und mit dem die Jugend ein Ritterspiel („Quintana“)  üben konnte.  Hier gibt es viele Geschäfte und die Straße lädt ebenfalls zum Flanieren – und Shoppen ein. Und natürlich gibt es alles, was Ferrara ausmacht: beeindruckende Fassaden, Mittelalterfeeling, kleine Cafes. Wer nach links in die Via Bersaglieri del Po schaut, entdeckt noch weitere Shoppingmöglichkeiten und folgt vielleicht erst einmal dieser Straße.
Auf der Via degli Adelardi  geht’s sonst weiter geradeaus bis zur Via Savanorola. Das ist die Hauptachse, die Nicolo III bei seiner Stadterweiterung angelegt hat. Auf diesem Weg kommt man zur Kirche San Francesco, wie so viele Gebäude entworfen von Biagio Ressetti. Der Innenraum ist einen Besuch werden. Schließlich gelangt man zur Casa Romei (Via Savanorola 30), ein Palast mit mittelalterlicher und Renaissance Architektur. Direkt gegenüber steht der Plaazzo di Renata di Francia und dahinter liegt der öffentlich zugängliche und schattige, also für eine Pause gut geeignete Parco Pareschi. Wir folgen der Via Savanorola weiter bis zur Via Madama, werfen danach kurz einen Blick auf die Casa Bassani, wo der Schriftsteller wohnte und auf den Palazzo Bonacossi, kehren zurück zur Via Madama und biegen nach Süden ab. Die Straße ist nicht sehr aufregend, bringt uns aber in die Via Scandiana. Gleich an der Ecke ist ein kleines Cafe. Im Schatten der Bäume an dem kleinen Platz kann man seinen Espresso genießen.
Etwas weiter die Via Scandiana entlang kommt dann der Palazzo Schifanoia. Schon wieder ein Renaissance-Juwel. Wir haben ja schon gehört, dass es die Renaissance-Fürsten nicht leicht hatten. Auch das Hofleben war streng reglementiert, man wurde ständig beobachtet. Stressig. Manchmal war es auch nur langweilig. Also bauten sich die Fürsten kleine Lustschlösser, etwa so wie Sansoussi in Potsdam, die Delizie.  Insgesamt gibt es 21 größere oder kleinere Delizie in und um Ferrara. In Ferrara sind das der Palazzo Paradiso, heute ist hier die Blibliotheca Aritostea untergebracht (Via delle Scienze 17), und eben der Palazzo Schifanioia (Schifare la noia, Langeweile vermeiden). Zu sehen ist dort der Fresken-Zyklus der Monate. Borso d’Este, der den Palazzo, damals außerhalb der Stadt, bauen ließ, wurde darin verherrlicht. Außerdem werden antike Kunstwerke ausgestellt (http://www.artecultura.fe.it/159/museo-schifanoia).

Reiseblog Ferraraq

Die Bilder zeigen ein Astrologisches Weltbild. Wer liest nicht auch heute schon mal sein Horoskop und wer glaubt nicht auch an bestimmte Eigenschaften, die mit einem Sternzeichen verbunden sind. Heute allerdings ist das meistens ein Zeitvertreib, eine noch nicht einmal halbernste Sache. Im Mittelalter und in der Renaissance waren astrologische Vorzeichen Gesetz und feste Bestimmung. Deshalb hatten die Bilder damals eine deutlich stärkere „ideologische“ Wirkung. Sie zeigten, was sicher und unverrückbar Tatsache war.
Man sollte sich etwas Zeit nehmen, die Fresken eingehend zu betrachten, z.B. den April. Die Monatsbilder sind dreigeteilt: der Triumph des jeweiligen Planetengottes, das Sternzeichen des Monats und Alltagsszenen vom Hof. Für so ein Programm brauchte es einen Autor. Das war vermutlich der Hofastrologe der Este, Pelegrino Presciani.   Monatsgöttin des April ist Venus, hier auf einem Boot, das von Schwänen gezogen wird, zu sehen, mit zwei Tauben, Symbolen der Liebe, die um Ihren Kopf flattern. Der kniende, gefesselte, von der Liebe besiegte Mars ist an seiner Rüstung und der roten Farbe zu erkennen. Die drei Grazien auf der linken Seite, mit Äpfeln als Symbol der Unsterblichkeit, dürfen nicht fehlen. Die fünfblättrigen Blüten, die zu sehen sind, symbolisieren die Venus und leiten sich von der Form der Wanderung des Planeten Venus am Himmel ab. In der Mitte der Stier, das Sternbild des Monats April. Im dritten Teil sieht man eine Jagdgesellschaft und den Palio von Ferrara.
Man kann versuchen, das dargestellte Weltbild zu ergründen. Elemente des Weltbildes sind die Ordnung, die Antike, die Glorifizierung und die Zeit als geschlossener Kreis des Jahreslaufs. Die Zeit wird strukturiert durch die Monate, die Tierkreiszeichen und die Dekane, die 10-Tagesabschnitte des Monats, deren Figuren in den mittleren Abschnitten dargestellt werden. Die Dekane teilen das Jahr in 36 Abschnitte. Vermutlich ist auch Borso so oft in den unteren Abschnitten zu sehen. Man kann sich einen Spaß machen und ihn suchen. Sein Profil ist, sagen wir, markant genug, um ihn zu erkennen und zu diesem Zweck auch immer gleich dargestellt. Es ist also zu vermuten, dass es einen Zusammenhang der göttlichen Ordnung und der Ordnung der Alltagsdarstellungen der Este gibt (http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/2074/1/Bell_Regent_unter_dem_Himmel_2009.pdf). Diese wären dann nicht nur illustrativ, sondern würden angeben, was zu tun ist, bzw. was jedes Jahr geschehen wird. Borso glaubte an die Sterne. Sein Astrologe berechnete für jedes Jahr die Konstellation der Planeten und deren Bedeutung. So konnte es schon einmal vorkommen, dass Borso eine Reise zum Papst absagte, weil vor Reisen gewarnt wurde. In jedem Fall zeigten die Bilder, dass Borso Teil der göttlichen Ordnung ist und legitimierten ihn.
Das ist also noch ein Ort, in dem man sich in die Welt der Renaissance vertiefen kann.

Im Garten hinter dem Palazzo gibt es die Caffetteria Ristoro Schifanoia – Giardino dell’Amore. Sie können auch nur wegen des Cafes in den Palazzo gehen! Ein Erlebnis für sich. https://www.facebook.com/Schivarlanoia/

Die Additizione Ercolanea

Palazzo dei Diamanti Ferrara

Bevor wir in den Norden gehen, wäre eine Pause in der Cafeteria der Burg gut.
Nun also die  Additione Ercolea. Anlass der Erweiterung war ein militärischer. Die Stadt sollte besser abgesichert werden. Architekt war Biagio Rossetti. Zwischen 1492 und 1510 wurde der Stadtteil aufgebaut.
Ercole war nicht der erste typische Vertreter der Renaissance-Fürsten schon Leonello und sein Nachfolger Borso hatten seit den 40ern des 15. Jahrhunderts Künstler am Hof versammelt, darunter Piero della Francesca, der eine Kirche und Räume des Schlosses ausmalte (heute verloren), Pisanello, Leon Battista Alberti, Jacopo Bellini und Andrea Mantegna sowie Rogier van der Weyden und Jean Fouquet (von ihm, der auch Buchmaler war, stammt das Portrait eines damals berühmten Hofnarren Gonella am Hof von Ferrara, das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien hängt).
Wir überqueren also die verkehrsreiche und etwas gesichtslose Viale Cavour und folgen dem Corso Ercole I de l’Este. In diesem Teil der Stadt gibt es nahezu keine Geschäfte, sondern hauptsächlich Firmen, öffentliche Gebäude und ein paar Hotels. Als erstes kommen wir zum Palazzo Giulio d’Este. Der Palast wurde in der Zeit der Stadterweiterung gebaut. Heute ist hier die Präfektur des Bezirks von Ferrara.
Hier spielten sich Dramen ab. Giulio, unehelicher Sohn von Ercole I, geriet in Streit mit Kardinal Ippolito, seinem Halbbruder und wurde verletzt. Eifersucht soll eine Rolle gespielt haben. Daraufhin plante er, zusammen mit Ferrante, auch ein Sohn von Ercole I., Kardinal Ippolito I. und Herzog Alfonso I. zu töten. Die Verschwörung war so dilletantisch, dass sie aufflog. Er wurde weggesperrt und verlor den Palast. Spätere Eigentümer waren die Herren von Carpi aus der Provinz Modena und Fürst Pio di Savoia. Hinter dem Gebäude liegt ein kleiner Park, der mit dem kleinen botanischen Garten und danach mit dem Parco Massari verbunden ist.

Ein Stück weiter kommt das Museo del Risorgimento e della Resistenza mit Exponaten zu entsprechenden lokalen Ereignissen. Und dann ist der da der Plazzo die Diamanti.

Von Biagio Rossetti, der die gesamte Stadterweiterung geplant hat, entworfen, mit diamantförmigen Marmorquadern verziert, einem Element des Wappens von Ercole. Heute beherbergt der Palast eine Gemäldesammlung (http://www.palazzodiamanti.it/). Der Palast steht an der Kreuzung der beiden Hauptachsen und damit in der Mitte der Stadterweiterung. Er ist für die Betrachtung von der dieser Kreuzung her gestaltet (erkennbar auch an dem Balkon) und damit auch prägend für das gesamte Stadtbild. Das macht ihn zu einem der berühmtesten Paläste in Italien. Der Palast war dem Bruder von Ercole, Sigismondo, gewidmet. Ein Besuch lohnt doppelt, zum einen wegen der Bilder und der wechselnden Ausstellungen und zum zweiten wegen der z.T. noch vorhandenen Ausstattungen (eine Holzkassetendecke, Fresken usw.).
Gegenüber schon der nächste Palast: Palazzo Prosperi-Sacrati, benannt nach zwei seiner Eigentümer. Und an der anderen Ecke der Palazzo Turchi di Bagno, der ebenfalls zwei Eigentümerfamilien im Namen trägt und die Paläste des Quadrivio degli Angeli vervollkommnet.
Literarisch Interessierte machen einen kleinen Umweg zum Haus von Ariost (Via Ariosto 67).
Wer möchte, schaut sich noch die Certosa an. Zumindest gibt es eine sehr hilfreiche Webseite mit erläuternden Videos und sogar eine App, die einen durch das Gelände führt (https://certosadiferrara.it/)
Neben der Certosa liegt der alte jüdische Friedhof, auf dem auch Giorgio Bassani begraben liegt. Nicht der einzige Grund, den Ort einmal zu besuchen.
Alle anderen gehen zum kleinen botanischen Garten und in den gegenüberliegenden Park und zur Piazza Aristotea. Alle drei geeignet für eine kleine Pause. Die ersten beiden bieten nur Erholung, letzterer Cafes und Restaurants.
Zwischen  dem Park und der Piazza Aristotea liegt der Palazzo Massari, der bedeutende Museen und Räume mit originaler Ausstattung enthält. Man muss sich also entscheiden, ob man zuerst Kraft für das Museum tanken möchte, oder sich die Pause als Belohnung nach dem Museum gönnt.

In dem Palast finden sich Bilder von Giovanni Boldini, einem Impressionisten. Wer Impressionisten mag, sollte sich die Ausstellung ansehen. Wahrscheinlich kennen Sie das Verdi-Portrait des Malers. Das Museo dell’Ottocento ist derzeit wegen Renovierung geschlossen. Das Museo d’Arte Moderna e Contemporanea „Filippo de Pisis“ zeigt Bilder des Malers. Filippo de Pisis, eigentlich Luigi Tibertelli, war ein bekannter Künstler des frühen 20. Jahrhunderts. Er traf nach dem ersten Weltkrieg in Ferraro Giorgio de Chirico, der zu der Zeit seine Kunst weiter entwickelte. Diese Entwicklung strahlte auf ganz Europa aus (z.B. auf Magritte, Max Ernst oder Giorgio Morandi). Auf der Webseite des Palazzo die Diamanti kann man noch einige Informationen zu einer Ausstellung von 2016 sehen, die sich auf die Zeit von de Chirico in Ferrara bezog (http://www.palazzodiamanti.it/1455).
In einem Nebengebäude werden temporäre Ausstellungen gezeigt (https://artemoderna.comune.fe.it/1/home).
Wie wir schon auf dem Weg hierher gesehen haben, gibt es hauptsächlich Gebäude in diesem Teil der Stadt. Wer ungern den gleichen Weg zurück geht, könnte die Via Montebello nehmen, die an einer kleinen Markthalle vorbeiführt, die allerdings nur dienstags, donnerstags und samstags von 8:30 bis 13:00 Uhr geöffnet ist (https://www.ferraraterraeacqua.it/it/ferrara/eventi/manifestazioni-e-iniziative/mercatini-mostre-mercato/mercato-coperto-contadino).

Reise nach Ferrara
Stadtführer Ferrara

Castello und etwas Renaissance-Gossip

Renassance-Stadt Ferrara
Ferrara für Insider

Den Schlusspunkt der Besichtigung sollte das Castello bilden. Auch wenn einzelne Räume, recht kahl sind, lohnt es sich, das Castello zu besuchen. Es gibt z.B. noch viele erhaltene Fresken oder einen kleinen Orangengarten im Piano Nobile. Beeindruckend ist die Aussicht.
Es ist ein guter Ort für den Abschied aus Ferrara. 1597 starb, ohne anerkannte Erben zu hinterlassen, Alfonso II. Ferrara fiel an den Kirchenstaat. Die Este verließen Ferrara und zogen nach Modena um. Im Zuge der revolutionären Aktivitäten Ende des 18. Jahrhunderts wurde auch das Schloss in Modena geplündert, so dass viele Kunstwerke verloren gingen. Die Familie Este verlor vorübergehend ihr Herzogtum Modena und erhielt dafür 1801 Breisgau und Ortenau (die später an Baden verloren gingen). Mit Ercole III starb 1803 der letzte Este ohne männlichen Erben. Seiner Tochter gehörte das Herzogtum inzwischen wieder und sie brachte es in die Ehe mit dem Habsburger Ferdinand Karl. 1859/60 endete das Herzogtum mit der Gründung des Königreichs Italien endgültig.

Man kann sich vorstellen, dass die verbliebenen Familienmitglieder 1597 ein letztes Mal durch die Räume der Burg und ihrer anderen Palazzi gingen, bevor sie nach Modena aufbrachen.

Zum Schluss noch ein Name, der aufhorchen lässt? Lucrezia Borgia. Sie lebte 17 Jahre in Ferrara. Sie heiratete in dritter Ehe Alfonso I d’Este und hatte zu der Zeit schon mindestens einen Sohn. Die Heirat war nicht ganz freiwillig, sondern, weil ihr Vater, der Papst, es sich mit den Franzosen nicht verscherzen wollte. Sie war der Spielball der Machtinteressen ihres Vaters. Man kann sich trotzdem vorstellen, wie die Zeitgenossen das fanden. Es bedeute also eine gewisse Herausforderung für Lucrezia, sich Akzeptanz in der Gesellschaft in Ferrara zu erarbeiten. Und das, obwohl sie als Frau nur Randfigur der gesellschaftlichen Prozesse war. Der Ort dafür war nicht in der Öffentlichkeit, sondern in den privaten Räumen. Bei allem Humanismus war man damals schon noch gerne bereit, einen Widersacher auf der Straße kurzerhand umzubringen. Der öffentliche Raum war also gar nicht so attraktiv. Und tatsächlich gab es eine Möglichkeit, sich darzustellen: Theateraufführungen am Hof, Selbstinszenierungen und Unternehmerschaft. Überliefert ist z.B. ein Theaterstück, bei dem in der Schlussszene sich die Herzogin mit ihrem Hofstaat an einem gemeinsamen Tanz beteiligt. Selbstinszenierung: sie ließ ein Zelt in der Kathedrale aufbauen, so dass sie und ihr Hofstaat unbeobachtet an der Messe teilnehmen konnte. Eine echte Performance (https://www.researchgate.net/publication/336735806_Lucrezia_Borgia%27s_performances_at_the_Este_court). Unternehmerin: sie kaufte riesige Sumpfgebiete auf, es sollen 20.000 Hektar gewesen sein, ließ sie trocken legen, machte Ackerland daraus und nutzte dessen Erträge (Getreide, Wein, Oliven, Flachs).

39-jährig starb sie nach der Geburt des 8. Kindes aus der Ehe mit Alfonso. Ihr Grab ist in Corpus Domini, Via Pergolato 4, an der Seite u.a. von Alfonso I., Ercole II., Alfonso II.

Noch etwas Politik und Gesellschaftliches: bei Wahlen liegen regelmäßig rechte Parteien (2020: Lega 42%, 2019: Lega 32%, Fratelli d’Italia 10%) vorne. Die Bevölkerung bleibt nur Dank der Zuwanderer konstant. Die Arbeitslosigkeit der 15- 29-Jährigen liegt bei 25% (https://servizi.comune.fe.it/233/scheda-informativa-statistica-sul-comune-di-ferrara)

Praktisches

In Ferrara gibt es eine Vielzahl typischer Bars, von außen wenig einladend, häufig auch in einer engen Straße ohne Außenplätze, dafür typisch italienisch und mit bestem Caffe.
Wer im freien Sitzen will, vielleicht auch noch ruhig und guten Kaffee trinken will, wird nicht so häufig fündig.

Ein Ort dafür ist die Bar Airosto unter den Arkaden des Palazzo Strozzi an der Piazza Aristotea. Schatten, Ruhe, Blick auf den baumbestandenen Platz. Ein Traum. Es gibt Süßes bis zum Abwinken und auch warmes Essen am Mittag und am Abend (https://www.facebook.com/ristobarariosto/).

Ein paar Außenplätze auf der Strasse hat das Vagabondo Caffe, Via Giuseppe Garibaldi, 98, im Westen des Castello. Hier werden auch Bücher verkauft.

Ein Reiseandenken in Form von frisch geröstetem Kaffee: L’Emporio della Piazza, Piazza della Repubblica, 27/29.

Sehr nützliche Informationen gibt es hier:

Zur Stadterweiterung

https://amp.googl-info.com/1447784/1/addizione-erculea.html

Allgemein zu Ferrara:

https://www.ferrarainfo.com/de/broschueren?set_language=de

etwas älter, dafür inhaltsreich:

https://www.ferrarainfo.com/de/broschueren/besichtigen-sie-ferrara-2013/view


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